Älterwerden ist ein Privileg. Das zumindest behaupten Ratgeber zu Themen wie Selbstliebe, Selbstbewusstsein, Selbstverwirklichung. Das Altern an sich sei demnach eine völlig legitime Angelegenheit, die eigentlich nur positive Seiten mit sich bringe. Und trotzdem ist das mit dem würdevollen Altern so eine Sache. Denn das kleine, gut versteckte “eigentlich” ist in Wahrheit viel größer. Obwohl sich unsereins also vehement dagegen wehren will, vollkommen vertreiben lassen sich die Selbstzweifel schlussendlich nicht. Und dann merken wir plötzlich wieder, dass wir dem Altern gar nicht so unberührt entgegen sehen, wie wir gehofft hatten. Wir merken, wie wir trotzdem Jahr für Jahr nervöser werden, wenn die Zahl hinter unserem Alter steigt und steigt. Aber warum wird einer Zahl überhaupt so viel Bedeutung, so viel Aussagekraft über das eigene Selbst zugeschrieben? Und wie schaffen wir es, das Alter als das zu betrachten, was es ist: nämlich nur eine Zahl – nicht mehr und nicht weniger? 

Das Alter als Ausdruck des gesellschaftlichen Anspruchs

Wir leben in einer Gesellschaft, die schon von Geburt an gewisse Ansprüche an den Lebensentwurf ihrer Mitglieder stellt. Eine Gesellschaft, die davon gestützt wird, dass wir möglichst schnell möglichst genau wissen, wo wir hingehören und deren Erwartungen wir spätestens mit dem Anbruch der Volljährigkeit ausgeliefert sind. Das Problem daran: Wer von uns wusste mit Anfang 20 wirklich, wo er hingehörte? Wer von uns konnte mit Anfang 20 vorhersagen, in welche Richtung sich der eigene Lebensentwurf entwickeln würde? Die Realität sieht in den meisten Fällen ganz anders aus. Nämlich so, dass wir mit Anfang 20 zwar Vorstellungen davon haben, an welchem Ort wir leben wollen, welcher Job der Richtige für uns sein könnte, wann wir über feste Partnerschaften, Familienplanung, Eigentumswohnung oder Hausbau nachdenken wollen; diese Vorstellungen aber in Wirklichkeit nur vage Zukunftsvisionen sind, die sich aus den gesellschaftlichen Erwartungen und unseren eigenen Ansprüchen an ein erfülltes Leben zusammensetzen. Stattdessen sind die Zwanziger geprägt von Zweifeln an unsere Wünsche und Ziele, an Entscheidungen, an die eigene Identität.

Wer von uns wusste mit Anfang 20 wirklich, wo er hingehörte? ❝

Ein Leben um zu lernen

In einem Artikel des ZEITMagazins schrieb der Autor kürzlich, dass jung sein, das Schönste und das Schrecklichste zugleich ist. Und es stimmt, wir haben uns wohl nie wieder so unbeschwert, so ungebunden, so naiv und frei, wie in unseren Zwanzigern gefühlt. Aber warum durften wir nur in den Zwanzigern unsere Freiheit genießen und Fehler machen? Warum fühlte es sich für uns immer so an, als wäre uns mit dem Ende der Zwanziger auch die Unbeschwertheit abhanden gekommen? Als wäre spätestens der 30. Geburtstag die letzte Möglichkeit, endlich erwachsen und verantwortungsbewusst zu werden? Vielleicht ist es die Gesellschaft, vielleicht unser Umfeld oder vielleicht sind es auch wir selbst, die uns suggerieren, dass jetzt aber wirklich die Uhr tickt, dass wir langsam wirklich wissen sollten, worauf es uns im Leben ankommt. Und so kommt es also, dass wir von Jahr zu Jahr weniger Zeit mit kindischen Spinnereien, dafür aber umso mehr Zeit damit verbringen, tiefgründige und weitreichende Entscheidungen zu treffen. Plötzlich kommen Fragen auf, wie wir Beruf und Familie vereinen können, wie wir trotz Kindern weiter an unserer Karriere arbeiten können, die wir uns in den vergangenen Jahren mühsam aufgebaut haben. Mit Anfang 40 beschäftigen uns nicht mehr die gleichen Themen wie in den Zwanzigern. Und das ist auch vollkommen in Ordnung.

Wir lernen unser Leben lang und finden heraus, wie wir die verschiedenen Herausforderungen des Lebens (und der einzelnen Lebensabschnitte) meistern können. Nicht umsonst heißt es, dass Weisheit erst mit dem Alter kommt. Wir lernen, gewisse Dinge nicht mehr so eng zu sehen, die uns Anfang 20 noch auf die Palme gebracht hätten. Wir lernen, die eigenen Bedürfnisse manchmal hintenan zu stellen, um denen des Partners oder der Kinder nachzugehen. Wir lernen aber auch, dass es wichtig ist, sich ab und an selbst in den Vordergrund zu stellen – ohne dafür den Job oder die sozialen Kontakte zu vernachlässigen. Wir lernen, dass wir auf unser Bauchgefühl vertrauen sollten und manchmal einfach ins kalte Wasser springen müssen – die Stimme der Vernunft, die mittlerweile lauter denn je in unserem Kopf pulsiert, außen vor gelassen. 

Worauf es also wirklich ankommt

Viele Menschen sagen, die Zwanziger seien ihre besten Jahre gewesen. Wir glauben, das stimmt nicht. Insgeheim sind es die Vierziger, die Fünfziger, ja sogar die Sechziger. Warum? Weil wir um Dinge wissen, die wir in jungen Jahren nicht wussten. Weil wir um Erfahrungen reicher sind, die wir uns zuvor nicht im Traum hätten vorstellen können. Und weil wir Fehler gemacht haben, aus denen wir dafür umso mehr lernen durften. Eine Sache, die uns am Ende also nur das Alter bringt: Die Fähigkeit, unsere eigenen Erwartungen loszulassen. Nicht mehr nach links und rechts zu schauen, um sicherzugehen, dass wir den Ansprüchen unseres Umfelds oder der Gesellschaft gerecht werden. Die Gewissheit, dass es im Leben nicht darum geht, perfekt zu sein und keine Fehler zu machen, sondern, dass es gelegentlich die jugendliche Unbeschwertheit unseres zwanzigjährigen Ichs braucht, um sich wieder auf die eigenen Träume zurück zu besinnen. Denn auch, wenn wir heute nicht mehr in den Zwanzigern stecken, die elementaren Fragen sind geblieben: Was wollen wir wirklich erreichen? Wofür sind wir hier – um einfach zu leben oder um wirklich etwas zu erschaffen? 

Wir sollten also aufhören, die wachsende Zahl des Alters zu verfluchen. Stattdessen sollten wir dankbar dafür sein, jedes Jahr ein Stück mehr über uns selbst, über unsere Wünsche und Träume lernen zu dürfen. Wir sollten dankbar sein, immer wieder neue Chancen und Herausforderungen zu bekommen. Und wir sollten dankbar sein, noch weitere Fehler machen zu dürfen. Fehler, aus denen wir lernen und uns dadurch noch weiter entwickeln können. Denn darum geht es doch im Leben – um das Lernen und das Wachsen, Jahr für Jahr, immer weiter.

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