Chemnitz als die neue Kulturhauptstadt Europas?

 

Eine Stadt, die polarisiert: Das ist Chemnitz in jedem Fall. Aber hat Chemnitz auch das Potenzial zur europäischenKulturhauptstadt? Im Dezember 2019 schafften es fünf deutsche Städte in die Endrunde für den Titel Europas Kulturhauptstadt 2025 – darunter auch Chemnitz. Bedenkt man die Negativschlagzeilen, mit denen Chemnitz in den vergangenen Monaten für reiflich Furore sorgte, mag die Bewerbung der sächsischen Industriestadt durchaus überraschen. Dabei stellte Chemnitz eben jene Zerrissenheit in den Mittelpunkt der Bewerbung: Die langjährige Identitätssuche der Stadt, die Wiedersprüche der Stadtgeschichte, den Wandel zur Industriekultur. Mit der Bewerbung will die Stadt zeigen, dass sie bereit ist, zu ihren Brüchen zu stehen.

Das ehemalige Schocken Kaufhaus heute (Außen- und Innenansicht) / © Auer Weber Architekten

Die Chemnitzer Industriekultur im Wandel

 

Den Titel „Sächsisches Manchester“, der dem Namen der Stadt häufig begleitend hinzugefügt wird, verdankt Chemnitz seiner Industriegeschichte; den alten Fabrikhallen und reichen Industriellen, die sich im 19. Jahrhundert in Chemnitz niederließen. Der Lokomotivenkönig Richard Hartmann oder der Ingenieur Jørgen Skafte, dessen Firma später zu den Zwickauer Motorenwerken und damit zu einem der größten Motorradhersteller der Welt heranwachsen sollte, sind nur zwei Vertreter der Großindustriellen, die Chemnitz‘ Weg zur Industriekultur nachhaltig prägten. Auch die Wohnhäuser der gut betuchten Geschäftsleute stammten von den bekanntesten Architekten der damaligen Zeit: Das von Erich Mendelsohn entworfene Kaufhaus der Gebrüder Schocken gilt bis heute als Sinnbild des aufsteigenden Konsums. So wundert es kaum, dass Chemnitz zur damaligen Zeit das höchste Steueraufkommen pro Kopf hatte.

❞ Das von Erich Mendelsohn entwor­fene Kauf­haus der Gebrüder Scho­cken gilt bis heute als Sinn­bild des aufstei­genden Konsums. ❝

Ostdeutsche Architektur der Nachkriegszeit

 

Heute ist Chemnitz eine Stadt der Gegensätze. Die wenigen, nach der Zerstörung des 2. Weltkrieges erhalten gebliebenen Bauten werden eingerahmt von moderner Nachkriegsarchitektur. Nicht immer ist das Zusammenspiel harmonisch. Anders als die meisten westdeutschen Städte, die nach Kriegsende schnell und gleichmäßig rekonstruiert wurden, dauert der Wiederaufbau des Chemnitzer Stadtzentrums bis heute an – seit mehr als 50 Jahren. Chemnitz gilt damit als Sinnbild des ständig wechselnden Architekturverständnis der ostdeutschen Nachkriegszeit. Der selbstgewählte Slogan ‚Stadt der Moderne‘, der die Ortseingangsschilder von Chemnitz ziert, liest sich daher im ersten Moment wie ein Euphemismus für Plattenbauten und die letzten Überbleibsel des Krieges. Ein Stück entfernt vom Zentrum der Stadt fehlt von grauen Betonbauten jedoch jede Spur: Der Kaßberg ist einer der wenigen Stadtteile, die das architektonische Erbe der einst reichen Industriestadt beherbergen. Prunkvolle Gründerzeitvillen machen das Viertel zwischen Kappelbach und Schlossteich zu einem der größten Jugendstildenkmälern Europas, das den Flaneur an die klassische Architektur in Wien oder Paris erinnern mag.

Chemnitz zwischen Jugendstilquartier und Start-Up-Kultur

 

Auf der anderen Seite der Stadt werden alte Fabrikgelände zum Schauplatz für das zeitgenössische Unternehmertum. Trotz seiner tiefen Brüche entsteht in Chemnitz eine moderne Start-Up-Kultur, die sich die Überreste der Industriekultur zu Nutzen machen. Der sogenannte Wirkbau, eine Fabrikanlage aus den Zwanzigerjahren, war einst Deutschlands größtes Werk für Textilmaschinen. Heute befinden sich in dem eindrucksvollen Klinkerbau verschiedene Künstlerateliers, Galerien, Läden, Ausstellungsorte und Büros. Auf einer der Büroflächen residiert auf 2000 Quadratmetern das Unternehmen Staffbase, das eine App für Firmenkommunikation vertreibt und dessen Mitarbeiterzahl sich seit Ende 2018 mit 250 Mitarbeitern mehr als verdoppelt hat. Mittlerweile betreibt Staffbase sieben Standorte weltweit – darunter New York, London oder Amsterdam. Das Headquarter befindet sich nach wie vor in Chemnitz. Denn anders als große Metropolen wie Berlin ist Chemnitz noch unbesetzt. Damit ist es leichter, mit neuen Ideen erfolgreich zu sein. 

Der Chemnitzer Wirkbau / © MIB AG

Und gerade, weil das Image der Stadt in den vergangenen Jahren aus verschiedenen Gründen gelitten hat, wollen Investoren und öffentliche Institutionen etwas entgegensetzen, um die Grundwerte der Stadt kämpfen. Die Bewerbung als Kulturhauptstadt ist nur ein weiterer Schritt in Richtung einer modernen Stadt, fernab von schwarz-weiß, die den Mut beweist, zu ihren Brüchen zu stehen.

 

Headerbild © Brigida González / BauNetz Architekten

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