Co-Working 2.0

Nach Co-Working schwappt der nächste Trend aus dem kalifornischen Silicon Valley nach Europa: Co-Living. Was steckt hinter der modernen Art der Wohngemeinschaft, für wen eignet sich das Konzept und welche Gefahren entstehen durch verschwimmende Grenzen zwischen Wohnen und Wirken?

Was ist Co-Living?

Wer in seiner Studienzeit in einer Wohngemeinschaft gelebt hat, kann sich wohl nur zubgut daran zurückerinnern – an rege Diskussionen über nicht abgewaschenes Geschirr, an durchzechte WG-Partynächte, bei denen immer etwas zu Bruch ging; daran, die Wohnung selten für sich allein zu haben und zum Arbeiten lieber in das nächstgelegene Café zu flüchten. Trotz beengten und oftmals chaotischen Wohnverhältnissen denken wir mit einem Anflug von Melancholie an die Zeit zurück, als wir scheinbar wesentlich unbeschwerter durch das Leben gehen konnten. Jene Unbeschwertheit, die ein Leben in der Gemeinschaft oft mit sich bringt, versucht eine neue Generation digitaler Nomaden nun wieder aufleben zu lassen. Anders als die klassische Studenten-WG hat ein Co-Living Space wenig mit Putzplänen, zusammengewürfelten Küchenutensilien und dem längst durchgesessenen Sofa eines Elternteils zutun. Stattdessen findet Co-Living in modernen Apartments statt und verhält sich eher wie eine Büro- und Wohngemeinschaft unter einem Dach. Die Idee dahinter: Menschen, die viel Zeit miteinander verbringen und dabei ähnliche Ziele verfolgen, können sich gegenseitig unterstützen und voranbringen. Co-Working auf einem höheren Level also. Das Beste daran: Wer sich in ein Co-Living Space einmietet, erhält in der Regel ein Komplettpaket aus Miete, Nebenkosten, Reinigung, Coworking und – das Wichtigste – Highspeed-Internet. 

Anders als die klassische Studenten-WG hat ein Co-Living Space wenig mit Putzplänen, zusammengewürfelten Küchenutensilien und einem längst durchgesessenen Sofa zutun.

Woher kommt der Co-Living-Trend?

Wie so viele innovative Ideen des 21. Jahrhunderts stammt auch der Co-Living aus dem kalifornischen Silicon Valley. Eines der ersten Wohnprojekte wurde dort 2006 unter dem Namen “Rainbow Mansion” von fünf NASA-Ingenieuren ins Leben gerufen. Die Gemeinschaftsvilla bringt bis heute digitale Genies und Nerds zusammen, um gemeinsam kreativ zu sein. Ähnlich wie der Co-Working-Trend – als das gemeinsame Nutzen von öffentlichen Büroräumen – verbreitete sich auch das Co-Living-Konzept von Kalifornien aus in ganz Europa. Auch in deutschen Großstädten wie Berlin oder Hamburg finden sich inzwischen zahlreiche Nachahmer. Darüber hinaus fügt sich das Co-Living-Konzept in einen anderen Trend der Immobilienwirtschaft ein: Immer mehr Gebäude werden gleichzeitig auf unterschiedliche Weise genutzt. Räume müssen modular aufgebaut werden und sich schnell an die Bedürfnisse der Bewohner anpassen können. Nur für den Fall, dass die Bürofläche schnell als Veranstaltungsort für Events, Workshops, Partys – oder eben zum Wohnraum – umfunktioniert werden muss. 

24/7 statt 9-to-5: Für wen eignet sich Co-Living wirklich?

Co-Living ist das moderne Wohnkonzept für alle Digital Natives und Kreativen, Gründer und Visionäre, die zum Arbeiten nicht mehr als einen WLAN-Zugang und eine Steckdose brauchen. Die neue Art der Wohngemeinschaft fördert die kreative Arbeit in der Gruppe, geht der Sehnsucht nach dem Wir-Gefühl nach und hebt die Gefahr auf, sich als Freiberufler sozial abzuschotten. Trotz der vielen Vorteile verbirgt die neue Art zu leben auch das ein oder andere Risiko. Die größte Gefahr: Work-Life-Blending, als das restlose Vermischen von privat und beruflich. Das vollständige Auflösen einer räumlichen Grenze kann zu einem enormen Stressfaktor werden. Kann es überhaupt noch einen Feierabend geben, wenn wir nicht mehr auf das Wochenende hin, sondern auch das Wochenende durcharbeiten? Wenn das erste Feierabendbier schon vor der Mittagspause geöffnet, die Arbeit dann mit ins Bett genommen wird? Damit ist Co-Living weit entfernt von einem klassischen 9-to-5-Job. Und auch wenn die flexible Zeiteinteilung ein großer Gewinn an Lebensqualität sein kann, eignet sich das Konzept nicht für jeden. Denn ähnlich wie die Selbstständigkeit verlangt es Ehrgeiz, Struktur, Disziplin – und ein Bewusstsein dafür, wann eine Pause notwendig ist. 

Ein Trend, der bleibt?

Die wahrscheinlichste Antwort auf die Frage, ob der Co-Living-Trend eine Zukunft hat, ist kurz und knapp: Ja. Die Arbeitswelt entwickelt sich nachweislich hin zur Selbstständigkeit , das heißt, in Zukunft wollen immer weniger Menschen an einen festen Arbeitsplatz gebunden sein. In Deutschland arbeiteten im Jahr 2018 rund 1,4 Millionen Menschen freiberuflich. Dass die Tendenz weiter steigt, zeigt die Entwicklung: Innerhalb der letzten zehn Jahre stieg die Anzahl der Freiberufler um gut 400.000 Menschen. Darunter befinden sich viele, die nicht allein zu Hause arbeiten möchten, sondern die Gesellschaft Gleichgesinnter bevorzugen. Auch die zunehmende Verknappung des Wohnraumes spielt dem Co-Living-Trend in die Karten: Bei einem generellen Wohnungsmangel erscheint das Zusammenlegen von Arbeitsplatz und Wohnraum schon beinahe logisch.

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