4000 Gebäude aus der Zeit des Bauhaus in nur einer Stadt: Tel Aviv zeigt auf eine pragmatische, ebenso ungeschönte wie spannende Art einen prägenden Teil der Bauhaus-Geschichte. Die “Weiße Stadt”, wie die israelische Metropole am Mittelmeer heute genannt wird, ist das Abbild einer Bewegung, deren Spuren auch noch 100 Jahre später deutlich zu erkennen sind.

Die Geschichte der Weißen Stadt

Bis heute gilt Tel Aviv als die “Weiße Stadt”, an deren Mittelmeerküste sich über 4000 Werke des Bauhaus aneinanderreihen. Obwohl viele der Gebäude durch jahrzehntelange Verwitterung und ausbleibende Sanierungsarbeiten kaum noch der damaligen Architektur gerecht werden, zeichnen sie doch das Bild eines, von modernen Denkweisen geprägten Zeitalters ab. Um gegen das langsame Verfallen der architektonischen Meisterwerke im Bauhaus-Viertel anzukämpfen, versucht ein Teil der Bevölkerung mehr Bewusstsein für die Geschichte der Stadt zu schaffen. Tel Aviv, das wörtlich übersetzt „Hügel des Frühlings“ bedeutet, ist eine vergleichsweise junge Stadt, die 1909 als Vorort der arabischen Hafenstadt Jaffa gegründet wurde. Als die Juden in den dreißiger Jahren aus Europa nach Jerusalem flohen, verdreifachte sich die Einwohnerzahl in nur sieben Jahren auf 150.000 Menschen. Heute steht Tel Aviv für eine moderne Metropole, die zu gleichen Teilen von jungen Menschen, innovativen Start-up-Unternehmen und kulturaffinen Touristen geprägt ist.

Ein Zeitalter der Moderne

Parallel zu der Zuwanderungswelle der dreißiger Jahre wurden im Stadtzentrum von von Tel Aviv mehr als 4000 Gebäude nach den Grundsätzen der modernen Architektur errichtet. Dabei geht es weniger um das eine Gebäude, das man bei einem Besuch in der Stadt unbedingt gesehen haben muss. Vielmehr steht die Fülle an beeindruckender Architektur im Fokus, die von 1931 bis 1937 in der israelischen Stadt entstanden ist. Als Inspirationsquelle diente das Dessauer Bauhaus und die dort tief verankerten Lehren der deutschen Architekten Walter Gropius, Hannes Meyer und Erich Mendelsohn. Einwanderer wie Arieh Sharon, Zeev Rechter oder Richard Kauffmann wollten die Idee einer Einheit aus Kunst und Handwerk ans Mittelmeer bringen: Weg von auffälligen Verzierungen und Ornamenten, hin zu Sachlichkeit und Klarheit. “Form folgt Funktion”, lautete der Leitsatz der Bauhaus-Bewegung. So entstanden lichtdurchflutete Gebäude, die ausschließlich der Gesundheit und gesteigerten Lebensqualität der Bewohner dienen sollten. Auf Symmetrie wurde genauso verzichtet wie auf Extravaganz und Opulenz. Stattdessen waren die Häuser geprägt durch eine uniformelle Bauweise, durch klare Formen und die Konzentration auf das Wesentliche. Damit reihte sich Tel Aviv in das Weltbild der Dessauer Architekten: Eine neue Art des Zusammenlebens, das sich abseits von Konsum und Besitztümern abspielt. Ein Zusammenleben, das alle Bewohner gleich behandelt und zu schätzen weiß.

Seit der Staatsgründung 1948 geht es Israel ums Überleben; Unsicherheit und Anschläge gehören noch immer zum Lebensgefühl in Tel Aviv. ❝

Weltkulturerbe als Hoffnungsträger

2003 wurde der Stadtkern von Tel Aviv durch die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, die Unesco, mit dem Weltkulturerbe versehen. Die Auszeichnung ehrte den Charme der Metropole, diente aber auch als Mahnung, dem voranschreitenden Verfall der Gebäude entgegenzuwirken. Auch wenn sich seitdem einiges getan hat, sind zwei Drittel der 4.000 Bauhaus-Gebäude noch immer renovierungsbedürftig. Das Problem:  Für die fachgerechte Restauration eines der Gebäude fallen etwa 14 Millionen an. 1 Statt einer strahlend weißen Stadt, erscheint Tel Aviv also in grauen und ockerfarbenen Tönen. Die heiße und salzige Luft hat die Fassaden angegriffen; überall gibt es rostige Fenster und kaputte Elektrokabel, die aus den Häusern auf die Straße fallen, während auf der gegenüberliegenden Seite ein Hotel nach dem anderen errichtet wird. Trotz des Immobilienbooms, der die Stadt seit einigen Jahren zu einer Umstrukturierung herausfordert, steht der Denkmalschutz noch immer hinten an. Seit der Staatsgründung 1948 geht es Israel ums Überleben; Unsicherheit und Anschläge gehören noch immer zum Lebensgefühl in Tel Aviv. Volle Restaurants und Kulturstätten, in denen sich die Bewohner treffen, sich lautstark unterhalten und fröhlich sind, werden noch immer von Sicherheitspersonal bewacht. Zu groß ist die Angst vor weiteren Selbstmordattentaten. Was für die Bewohner daher am meisten zählt, ist das Hier und Jetzt. Und trotzdem gibt es Menschen, die den Charme der Gebäude erkannt haben; die verstehen, wie sehr die Bauhaus-Bewegung den kulturellen Wert der Stadt prägt und dafür sorgen wollen, dass der vielleicht bedeutendste Teil der Stadtgeschichte zwischen all den Luxusvillen und Boutiquehotels bestehen bleibt.

© Jonas Opperskalski

Nachweise

1 https://www.faz.net/aktuell/stil/mode-design/bauhaus-in-tel-aviv-weisse-stadt-15972959.html

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