Um es gleich vorwegzunehmen. Ja, ich lebe noch. Trotz meiner einwöchigen Social Media Abstinenz geht es mir gut, vielleicht sogar besser als zuvor. Warum? Das ist eine längere Geschichte…

Warum ich süchtig bin

Mein Smartphone ist immer dabei. Morgens nach dem Aufstehen, auf dem Weg zur Arbeit, bei der Arbeit, abends auf dem Sofa. Wenn ich im Auto sitze höre ich einen Podcast, beim Sport fast immer Musik. Bis zu 80 Mal entsperre ich mein Handy am Tag und ertappe mich immer wieder dabei, nicht einmal einen genauen Grund dafür zu haben. Ich bin immer online, immer erreichbar, 365 Tage im Jahr. Statt Vernetzung und Unterhaltung ist Social Media für mich mittlerweile Gewohnheit. Ein täglicher Begleiter. Ob ich süchtig bin? Lange wäre meine Antwort darauf eindeutig ein “Nein” gewesen. Nein, um Himmels willen. Ich doch nicht. Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher. Eigentlich bin ich ein Mensch mit wenig Suchtpotenzial. Ich rauche nicht, trinke nur selten, treibe Sport und ernähre mich relativ gesund. Bei Social Media ist das anders. Denn da stoße ich regelmäßig an meine Grenzen. Jegliche Versuche, meinen Konsum selbst zu kontrollieren, scheiterten. Also stellte ich immer wieder neue Regeln auf, die mir dabei behilflich sein sollten. Ich wollte eine Stunde nach dem Aufstehen auf Social Media verzichten und das Handy schon eine Stunde vor dem Schlafengehen ausschalten. Beim gemeinsamen Spaziergang, im Café oder beim Abendessen sollte es künftig in der Handtasche bleiben. Auch aus dem Schlafzimmer wollte ich es verbannen. Ob das geklappt hat? Anfänglich schon. Aber nach kurzer Zeit landete ich zurück in alten Mustern und fand mich abends im Bett wieder, wie ich durch Facebook scrollte, Pinterest aktualisierte und Fotos auf Instagram postete. Irgendwann folgte dann der Blick auf die Uhr und die Frage, warum ich schon wieder zu viel Zeit verbrachte mit…Ja, womit eigentlich? 

Ich bin dann mal offline

Ich brauchte also etwas Radikales. Eine Auszeit, die mir klarmachen sollte, wie gut ich doch auch ohne Social Media zurecht komme. Gesagt, getan. Eines Sonntagabends löschte ich kurzerhand Instagram von meinem Smartphone. Es folgten Twitter und Facebook. Snapchat hatte ich sowieso nie verstanden, also durfte auch das weichen. Da saß ich also, hoch motiviert und voller Tatendrang, und hatte mir fest vorgenommen, eine ganze Woche durchzuhalten. Der Montagmorgen klappte gut. Ich stand auf, trank meinen Kaffee und schaute zur Abwechslung mal in die Tageszeitung auf dem Küchentisch, der ich sonst nur wenig Beachtung schenkte. Bei meiner morgendlichen Laufrunde stellte ich mit Erstaunen fest, dass ich auch ohne Musik vorankam und sich mein Kopf danach noch ein Stück freier anfühlte. An der Haltestelle der S-Bahn angekommen, entnahm ich der Anzeigetafel, dass die Bahn heute fünf Minuten Verspätung hatte. Typisch Montag, dachte ich und wollte schon zum Handy greifen, bis mir einfiel, dass ich das ja eigentlich nicht tun wollte. Also versuchte ich mir so die Zeit zu vertreiben und beschäftigte mich stattdessen mit meiner Umgebung. Mir fiel auf, dass gegenüber der Haltestelle ein neues Café eröffnet hatte, freute mich darüber und nahm mir vor, es im Laufe der Woche auszuprobieren. Die fünf Minuten waren anscheinend vergangen, denn da hielt schon die Bahn vor meinen Füßen. 

Die Zeit in der Bahn verbrachte ich hauptsächlich damit aus dem Fenster zu sehen und auch im Büro war ich zu beschäftigt, um überhaupt an mein Handy denken zu können. In der Mittagspause aß ich wie immer gemeinsam mit den Kollegen. Ich erzählte ihnen von meinem Vorhaben und wir beschlossen, die Mittagspause zur Smartphone-freien Zone zu erklären. Nach der Arbeit war ich mit einer Freundin im Café verabredet. Auch mit ihr besprach ich mein Experiment und stellte fest, dass es ihr ähnlich ging, sie sich manchmal überfordert mit den Eindrücken fühlte, die ihr aus den sozialen Netzwerken entgegen schwappten. “Vielleicht solltest du das ja auch probieren”, riet ich ihr, worauf sie mit einem Nicken antwortete, dass sie es sich überlegen werde. Während wir unseren Kaffee tranken und über unser digitales Dasein philosophierten, vergaß ich fast vollständig die Zeit. Ich fühlte mich seit Wochen das erste Mal so richtig entspannt und befreit. Ich entschied, dass ich das Gefühl öfter haben wollte. Der Abend verlief ähnlich. Ich kochte und legte mein Handy, schon bevor das Essen fertig war, in die andere Ecke des Raumes. Nur zur Sicherheit, dachte ich dabei. Statt der abendlichen Folge der neuen Netflix-Serie, die ich gerade marathonartig konsumiert hatte, ging ich früher ins Bett und griff nach einem der Bücher auf meinem Nachttisch. Nach einer halben Stunde schaltete ich mit schweren Augen das Licht aus und schlief. 

❞ Während wir unseren Kaffee tranken und über unser digi­tales Dasein philo­so­phierten, vergaß ich fast voll­ständig die Zeit. Ich fühlte mich seit Wochen das erste Mal so richtig entspannt und befreit.

Der Rest der Woche verlief ähnlich. Zwar ertappte ich mich immer wieder dabei, wie ich einen kurzen Blick auf mein Handy werfen wollte, entschied mich aber meist noch dagegen. Besonders das Wochenende nahm ich als erholsamer wahr als zuvor. Ich erledigte ein paar längst überfällige Aufgaben, verbrachte viel Zeit im Freien, traf mich mit Freunden zum Essen und führte viele Gespräche. Gespräche, die sonst weniger intensiv und weniger tiefgründig verliefen, da sie meist davon unterbrochen wurden, dass mein Smartphone immer mal wieder aufleuchtete. An diesem Wochenende blieb das Display dunkel. Am Sonntagabend war ich also fast ein wenig enttäuscht, dass mein Experiment schon so schnell vorbei war.

Achtsamkeit statt Information overload

Zugegeben, dass ich mich morgens in der Bahn in 40 Minuten auf den neuesten Stand bringen, die wichtigsten Schlagzeilen aus der Welt und aus meinem sozialen Umfeld über eine App aufnehmen kann, ist ein Segen, kein Fluch. Das Problem daran ist jedoch die Masse an Informationen, mit denen wir tagtäglich überflutet werden, die uns müde macht und uns das Gefühl gibt, nicht mehr alles erfassen zu können. Und dann kommt es eben mehr als einmal am Tag vor, dass Nachrichten von Freunden, Bekannten und Verwandten untergehen und irgendwo in der Versenkung verschwinden; dass Gespräche nur an der Oberfläche kratzen und dass wir abends dasitzen und uns fragen, warum wir schon wieder nicht alles geschafft haben, was wir schaffen wollten. Vielleicht brauchen wir alle mal eine kleine Auszeit von dem digitalen Leben, dass wir uns selbst erschaffen haben, einen Kurzurlaub sozusagen. Was mir das Experiment Digital Detox am Ende gebracht hat: Mehr Bewusstsein für mein eigenes Konsumverhalten. Facebook und Twitter haben es gar nicht erst zurück in das Menü meines Smartphones geschafft. Nur Instagram nutze ich wieder, allerdings wesentlich kontrollierter.

Ein Text von Justine Büschel

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