Am vergangenen Donnerstag, dem 16. Mai 2019, starb mit Ieoh Ming Pei einer der eindrucksvollsten Architekten der Gegenwart – im stattlichen Alter von 102 Jahren. Weltweite Bekanntheit erlangte Pei nicht nur durch seinen auffallenden architektonischen Stil, sondern machte sich besonders durch seine Leidenschaft für die Erneuerung der Metropolen unserer Zeit einen Namen. Seine Werke gelten als entscheidende Beiträge der modernen Architektur, wobei seine Herangehensweise an die Projekte alles andere als globalisiert war. Jeder seiner Entwürfe wurde speziell auf die kulturelle Verankerung und den Zweck des Objektes zugeschnitten. Die Gemeinschaft, der ein Gebäude einen Mehrwert oder Nutzen bringen sollte, bildete dabei die Grundlage für seine Designs. Mit drei der bekanntesten Projekte, die Pei’s Karriere nachhaltig prägten, wollen wir an den chinesisch-amerikanischen Architekten erinnern:
Washington, DC (USA)

National Gallery of Art, East Building

 

1968 erhielt Pei von Treuhändern der Nationalgalerie in Washington den Auftrag, einen neuen Flügel für die wachsende Sammlung des Museums zu entwerfen. Pei entschied sich für ein symmetrisches Design, das die Gestaltung des älteren Gegenstücks, dem Westflügel, widerspiegelte, sich aber durch eine starre geometrische Struktur davon abzuheben versuchte. Pei wollte damit in erster Linie der majestätischen Bauweise der eindrucksvollen Kunstgalerie gerecht werden, deren Anmut ihn immer wieder faszinierte. Das von ihm gewählte, dreieckige Muster integrierte er als wiederkehrendes Element in das gesamte Gebäude – von den Skulpturen vor dem Haupteingang bis zu der prismenartigen Deckenbeleuchtung im Museum. Das Museum an sich wurde am 1. Juni 1978, also fast zehn Jahre nach der Auftragserteilung, eröffnet und gilt seitdem als ein Wegweiser der modernen Kunstgeschichte.

❞ An individual building, the style in which it is going to be designed and built, is not that important. The important thing, really, is the community. How does it affect life? ❝

 I.M. Pei  1

© Dennis Brack/Black Star

Peking (China)

Fragrant Hill Hotel

 

Obwohl es sich nicht um eines seiner bekanntesten Projekte handelt, gilt das Fragrant Hill Hotel in Peking in vielerlei Hinsicht als ein Wendepunkt für Pei. Im Jahr 1974 kehrte Pei zum ersten Mal nach China zurück – fast 40 Jahre, nachdem er seine Heimat verlassen hatte, um in den USA zu studieren. Der Auftrag für das Fragrant Hill Hotel kam vier Jahre später und erlaubte ihm, mit seinen Vorstellungen von einem individualisierten und kulturell relevanten Designverständnis zu experimentieren. Die Inspirationen suchte er dabei in der chinesischen Tradition, die er mit den Prinzipien der Moderne vereinen wollte; anstatt die üblichen Gestaltungsmuster der Moderne zu implementieren, die kulturelle, ökologische oder funktionale Aspekte seiner Ansicht nach nicht ausreichend berücksichtigten. Bei seiner Arbeit am Fragrant Hill Hotel tauschte Pei die klare, minimale Geometrie seiner früheren Projekte gegen einen Kompromiss zwischen modernen Elementen und traditionell chinesischen Einflüssen. Leider hatte das Hotel nicht den gewünschten Erfolg und ist mittlerweile in einem sehr heruntergekommenen Zustand. Für Pei war das Projekt trotzdem ein entscheidender Schritt, der die Entwicklung seines einzigartigen, nicht klassifizierbaren Designstils prägte2.

❞ Architektur darf nicht modisch sein. Sie braucht einen langen Atem. ❝

 I.M. Pei  3

Paris (Frankreich)

Louvre

 

Als Pei’s vielleicht bekanntestes Projekt gilt die Modernisierung des Louvre, der neben dem Eiffelturm ein Wahrzeichen und ein zentraler Anlaufpunkt in der französischen Hauptstadt verkörpert. Umso schwerer fällt es uns, zu glauben, dass die ersten Reaktionen auf die zwei ikonischen Glaspyramiden am Eingang des Louvre zunächst aus Empörung und Wut bestanden, Die Gemüter beruhigten sich jedoch, als auch den ärgsten Kritikern bewusst wurde, dass Pei’s Entwurf viel mehr zu bieten hatte, als nur eine unscheinbare Glashülle. Die Konstruktion bildet einen zentralen Eingang der weit auseinanderliegenden Galerien und wird gleichzeitig als neuer U-Bahn-Zugang genutzt. Durch das bewusste Spielen mit dem natürlichen Lichteinfall erschuf Pei ein stilistisches Gegenstück zu den historischen Museumsbauten der Renaissancezeit. Im Laufe der vergangenen Jahre haben sich Pei’s umstrittene Pyramiden so zu einem Ort entwickelt, der Architektur veranschaulicht, die einerseits einem funktionalen Zweck dient, gleichzeitig aber als ein eigenständiges Kunstwerk begeistert.

1 http://fampeople.com/cat-i-m-pei_2

2 https://stories.mplus.org.hk/en/blog/i-m-peis-ground-breaking-fragrant-hill-hotel-revisited/

https://www.welt.de/kultur/article833914/Architektur-braucht-einen-langen-Atem.html

 

Headerbild © Dennis Brack/Black Star (National Gallery of Art, Washington, Gallery Archives)

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