Es ging ihm nie um das bloße Inszenieren eines perfekten Abbildes. Statt den Look in den Vordergrund zu stellen, setzte sich Peter Lindbergh mit dem Menschen auseinander. Er erkannte Emotionen, Momente und Geschichten, die aus dem Leben der Menschen erzählten, die vor seiner Kamera standen. Nun ist der Starfotograf im Alter von 74 Jahren verstorben. 

Die ungeschönte Schönheit

Schon in den 1980ern hatte Peter Lindbergh die schönsten Frauen vor der Kamera, die er für die bedeutendsten Modemagazine der Welt in aufwändig drapierten Kleidern ablichtete. Lindbergh zählte zu den Großen seines Fachs. Er fotografierte internationale Stars, veröffentlichte mehrere Bildbände und Filme. Und trotzdem standen seine Bilder nie für Perfektion. Vielmehr schien der Kern seiner Arbeit darin zu liegen, die versteckte Schönheit auf eine ungeschönte Art und Weise zum Vorschein zu bringen. Seine überwiegend Schwarz-Weiß-Fotografien zeigten die rauen, unretuschierten Momente seiner Heimat, die ihn bis zuletzt geprägt hatten: Lindbergh wurde 1944 als Peter Brodbeck in Polen geboren. Nachdem seine Familie von dort vertrieben wurde, verbrachte er Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet des Nachkriegsdeutschlands – abseits vom internationalen Glamour der Mode- und Filmbranche. Die Schule verließ er mit 15, um eine Lehre als Schaufensterdekorateur zu absolvieren. Später besuchte er an der Berliner Hochschule für Bildende Kunst einen Abendkurs im Zeichnen und begann nach einer kurzen Vagabundenzeit in Frankreich, Spanien und Marokko ein Studium an der Werkkunstschule in Krefeld. Mit 27 fand er schließlich in der Fotografie seine Leidenschaft. Als Assistenz des Fotografen Hans Lux lernte er die handwerklichen Grundbegriffe kennen, um sich schließlich als Werbefotograf selbstständig zu machen. 

Gigi Hadid by Peter Lindbergh / © Peter Lindbergh

Der große Abenteurer

Der große Durchbruch gelang ihm 1978 mit einer Mode-Fotostrecke im Stern. Aus Brodbeck wurde der Künstlername Lindbergh – ein internationaler Name, den der Starfotograf immer mit dem großen Abenteuer in Verbindung setzte. Und ein Abenteuer war es allemal: In den Siebzigern zog er für einen Auftrag der Marie Claire über Nacht von Düsseldorf nach Paris. „Mir ist es immer leicht gefallen, zu gehen“, hat er in einem früheren Interview mit dem ZEIT-Magazin gesagt, „die Welt gehört den Naiv-Sorglosen.“ So naiv und sorglos wie er im privaten Leben sein wollte, war er auch in seiner Arbeit als Künstler. Statt mit dem Strom zu schwimmen, leitete er eine neue Ära der Modefotografie ein. Nach dem ersten Erfolg erreichten ihn Aufträge der internationalen Modemagazine Vogue, Harper’s Bazaar, Vanity Fair oder das Musikmagazin Rolling Stones. Er arbeitete mit den größten Designern der Branche, fotografierte die Supermodels der 90er in den Kollektionen von Prada, Jil Sander, Giorgio Armani und Karl Lagerfeld. In nur wenigen Jahren hatte er es zum Starfotograf der internationalen Modewelt geschafft.

Statt mit dem Strom zu schwimmen, leitete Lindbergh eine neue Ära der Modefotografie ein. ❝

Claudia Schiffer (links) und Cindy Crawford (rechts) by Peter Lindbergh / © Peter Lindbergh

Ein neues Schönheitsideal

1996 veröffentlichte Lindbergh seinen ersten Bildband “Ten Woman”, der ein Jahr später durch ein weiteres Werk mit dem Titel “Images of Woman” ergänzt wurde. Dort zeigte Lindbergh seine Aufnahmen berühmter Frauen, die er in den Achtzigern und Neunzigern fotografiert hatte. Schon damals prägte er ein neues Schönheitsideal, das weg von reiner Perfektion und Schönheit gehen sollte. Lindbergh stellte die Persönlichkeit der Frauen in den Vordergrund, betonte ihre individuellen Züge und ihre natürliche Ästhetik. Seine Bilder zeigten nicht mehr nur junge, aufwändig hergerichtete Frauen. Für Giorgio Armani fotografierte Lindbergh die vier mehr als vierzig Jahre alten Supermodels Stella Tennant, Nadja Auermann, Yasmin Le Bon und Eva Herzigova unter dem Titel „New Normal“ – klassisch schwarz-weiß und mit wenig Make-up. Im Jahr darauf lichtete er die Schauspielerinnen Nicole Kidman, Kate Winslet und Julianne Moore nahezu ungeschminkt für den bekannten Pirelli-Kalender ab. 2016 und 2017 stellten die Kunsthallen in Rotterdam und München eine große Retrospektive unter dem Titel „From Fashion to Reality“ aus, mit der sich Lindbergh bewusst gegen das Schönheitsideal der heutigen Modeszene aussprach.

Vanessa Paradies by Peter Lindbergh / © Peter Lindbergh

Peter Lindbergh hinterlässt neben drei außergewöhnlichen Bildbänden, Fotostrecken und Filmen vor allem eines: eine große Lücke in der Modefotografie. ❝

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