Das war’s für dieses Jahr. Die Festivalsaison 2019 neigt sich langsam aber sicher dem Ende; und damit ist es an der Zeit eine Balance zu ziehen. Was am Ende übrig bleibt, sind verwüstete Zeltplätze, Berge von Plastikmüll und die brennende Frage: 

Wie umweltbewusst ist unsere Jugend wirklich?

© Alexandra Kroczewski-Gubsch

Mehr Schein als Sein?

 

Besonders die junge Generation scheint von Festivals nahezu magisch angezogen zu werden. Woher die Faszination für ein Wochenende abseits alltäglicher Normen kommt?  Für viele Menschen sind Festivals der Ausdruck von grenzenloser Freiheit, von bedingungsloser Toleranz, von Loslassen und Genießen. Und trotzdem bleibt ein bitterer Beigeschmack zurück, wenn wir an ein überfülltes Festivalgelände und ausgelassen feiernde Menschenmassen denken. Denn während Festivals für Leichtigkeit und Unbeschwertheit stehen, entwickeln sie sich aber auch immer mehr zu einer satirischen Abbildung unserer Wegwerfgesellschaft. Spätestens am letzten Tag eines jeden Festivals, wenn die letzten Besucher vom Gelände fahren, zeichnet sich immer wieder das gleiche Bild ab: Was eben noch an das muntere Treiben eines Jahrmarktes erinnerte, könnte nun viel mehr mit einem Schlachtfeld nach Kriegsende verglichen werden. Tonnen von Müllbergen, zerrissene Pavillons, kaputte Zelte, Müllsäcke voll mit Bierdosen und Plastikbesteck. Ein Albtraum für jeden halbwegs nachhaltig agierenden Menschen, könnte man in Zeiten von Fridays For Future, Umweltaktivismus und Wahlerfolgen für grüne Parteien jedenfalls annehmen. Warum gehen Woche für Woche tausende Jugendliche und junge Erwachsene auf die Straße, demonstrieren für Umweltschutz, das Vermeiden von Flugreisen und Plastikmüll, um ein Wochenende später morgens um 8 Uhr die erste Bierdose auf die Wiese hinter dem Zelt zu werfen? Warum fordert die Jugend einen bewussten und schonenden Umgang mit den Ressourcen, wenn dann Kiloweise Konfetti auf dem gesamten Gelände verbreitet werden? 

© Alexandra Kroczewski-Gubsch

❞ Während Festi­vals für Leich­tig­keit und Unbe­schwert­heit stehen, entwi­ckeln sie sich immer mehr zu einer sati­ri­schen Abbil­dung unserer Wegwerf­ge­sell­schaft. ❝

Wie viel Müll ist zu viel?

 

Bei „Rock im Park“ auf dem Nürnberger Zeppelinfeld seien nach Angaben der Stadt 300 Tonnen Müll entstanden 1 – bei knapp 72.000 Besuchern wären das 4,16 Kilogramm an Müll, die allein von einer Person verursacht wurden. 2  Wenn wir uns vorstellen, wie alle 72.000 Einwohner der nordrhein-westfälischen Stadt Lüdenscheid drei Tage lang ihren Müll auf die Straße werfen, können wir uns das Ausmaß ungefähr vorstellen. Das Southside in Neuhausen ob Eck gehört mit 60.000 Festivalbesuchern ebenfalls zu einem der größten Festivals in Deutschland. Laut Veranstalter sei Recycling auf dem Southside groß geschrieben worden. Fast 400 Arbeitskräfte waren 2019 für die Müllentsorgung zuständig; für alle Händler, Sponsoren und Gastronomen galt zudem ein Verbot für Einwegplastik. 3 Aber reicht das wirklich aus, um die Müllproduktion nachhaltig zu reduzieren? Trotz der Bemühungen der Veranstalter kamen am Ende 200 Tonnen Müll zusammen – nicht unbedingt weniger als bei “Rock im Park” mit 10.000 mehr Besuchern. Marc Bilabel, der Gründer der Green Music Initiative, die sich für umweltbewusste Festivals einsetzt, sieht neben Einweggeschirr, Plastikbechern und Pfandflaschen vor allem ein großes Problem in den mitgebrachten Zelten. Bilabel geht davon aus, dass in Deutschland ein Drittel der Zelte auf dem Festivalgelände stehen gelassen wird. Bei 70.000 Besuchern können das bis zu 15.000 Zelte sein, die von den Arbeitskräften entsorgt werden müssen. 4 

 

Alles hoffnungslos?

 

Spätestens hier sollte auch dem Letzten klar sein, dass die Verantwortung in erster Linie bei den Besuchern liegt – und damit bei eben jener Generation, die sich gerade ach so demonstrativ für Nachhaltigkeit stark zu machen scheint. Warum das neu entdeckte Umweltbewusstsein der Jugend gerade zu Festivals so stark ins Wanken gerät: Die Bequemlichkeit und die fehlende Bereitschaft, sich in den persönlichen Belangen einzuschränken, liegt in der Natur des Menschen. Es ist leider viel zu bequem, ein Zelt für weniger als 20 Euro zu kaufen und es, wenn es dann (Überraschung) schneller als gedacht kaputt gegangen ist, auf dem Gelände stehen zu lassen. Es ist viel zu bequem, Plastikgeschirr und Konservendosen statt normales Besteck oder unverpackte Lebensmittel einzupacken. Es ist viel zu bequem, leere Flaschen einfach an Ort und Stelle fallen zu lassen. Verstehen Sie uns nicht falsch. Wer die Umwelt schützen will, muss nicht zwingend ein Heiliger sein. Das sind wir genauso wenig. Was wir aber auch nicht sind: Egoistisch und unreflektiert. Und genau darum geht es. Es geht darum, sein eigenes Handeln zu hinterfragen und aufzuhören, seine eigenen Präferenzen über den Rest der Welt zu stellen. Es geht darum, seine Umwelt zu analysieren und herauszufinden, wo wir am ehesten handeln können – und vielleicht sogar handeln müssen. Genau dafür gehen doch Woche für Woche tausende Menschen auf die Straße – für ein gemeinsames Handeln und eine bessere Welt. Alles was wir verlangen, ist das genau diese Menschen ihre Bequemlichkeit nach hinten stellen und da ansetzen, wo noch die Möglichkeit besteht, nachhaltig etwas zu verändern. 

© Alexandra Kroczewski-Gubsch

1 https://www.haz.de/Nachrichten/Wissen/Uebersicht/Umweltsuende-Festival-Wenn-die-Fans-gehen-bleibt-der-Muell

2 https://www.welt.de/regionales/bayern/article194985151/Eine-Raupe-ein-Shitstorm-kein-Rollstuhl-Rock-im-Park.html

https://www.suedkurier.de/region/linzgau/neuhausen-ob-eck/Die-Southside-Muellentsorger-Sie-sorgen-dafuer-dass-das-Festival-Gelaende-nicht-im-Abfall-versinkt;art372568,10190232

4 https://www.sueddeutsche.de/panorama/festivals-abfall-muellproblem-1.4499862

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