Warum gutes Design seinen Preis hat

Wie viel sind wir bereit für ein Möbelstück zu bezahlen? Ist uns ein Stuhl nicht mehr als 100 Euro wert oder würden wir sogar das 5-fache dafür ausgeben? Wie wichtig sind uns dabei Herstellung oder Herkunft des Stuhls? Muss es ein Designerstück sein oder tut es auch ein Standardexemplar aus dem Möbelhaus nebenan? Und wie stehen wir dazu, dass legendäre Designklassiker mittlerweile auch als Replikate zu erschwinglichen Preisen für Jedermann angeboten werden? Ein nahezu perfektes Replikat des berühmten CH24 Wishbone Chairs von Carl Hansen für 150 Euro – statt 800 Euro für das Original. Geht das überhaupt?

Die Qualitätsfrage: Qualität = teuer? 

Die sanft gebogene Lehne, die Sitzfläche aus 120 Metern Papierkordel, das Y-förmige Mittelstück des Stuhlrückens – Der Stuhlklassiker des Designers Hans J. Wegner gilt seit 70 Jahren als Paradebeispiel für dänisches Design und ist heute beliebter denn je. Bei der Produktion des Wishbone Chairs stehen handwerkliche Fertigkeiten, das Gespür für Ästhetik, Form und Material aber auch die Langlebigkeit des Produktes im Fokus. Mehr als 100 Arbeitsschritte und drei Wochen Produktionszeit werden für die Herstellung des legendären Möbelstücks benötigt. Aber rechtfertigt die aufwändige Verarbeitung auch den vermeintlich hohen Preis? Vielleicht ist das ein wenig vergleichbar mit der Kunst: Ein Original ist und bleibt eben ein Original – und eine Kopie nur eine Kopie. Nicht umsonst ist der Terminus “billige Kopie” ein fester Teil des deutschen Sprachgebrauchs. Man könnte also meinen, die Qualität ist das, wo die Nachahmer besagter Designklassiker am ehesten sparen. Doch stimmt das? Und können Laien wirklich den Unterschied zwischen Original und Replikat erkennen? 

Einer Studie zufolge investieren die Deutschen knapp 580 Euro im Jahr in Einrichtungsgegenstände. Damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich auf Rang drei; nur die Österreicher und Schweizer geben mehr Geld für ihre Möbel aus. 1 Die durchschnittlichen Pro-Kopf-Ausgaben der Deutschen entsprechen also entweder einem Designerstuhl – oder aber einer ganzen Sitzgruppe an Replikaten. Da liegt es nahe, dass besonders das Preis-Leistungs-Verhältnis die Kaufentscheidung maßgeblich beeinflusst. Gleichzeitig fordern viele Konsumenten aber auch ein hohes Maß an Qualität und die Garantie für die Langlebigkeit eines Möbelstücks. Wäre es da nicht sinnvoller, einmal tiefer in die Tasche zu greifen, um sich dann möglichst lange daran erfreuen zu können? Verstehen Sie uns nicht falsch. Wir wollen nicht sagen, dass preisintensivere Produkte automatisch für einen höheren Qualitätsstandard sprechen. Wenn Sie sich aber ein wenig mit der Herkunft und der Herstellung eines Möbelstückes auseinandersetzen, sollten Sie schnell erkennen, ob das Produkt Ihren eigenen Qualitätsansprüchen gerecht wird. 

© Carl Hansen & Søn

Können Laien wirklich den Unterschied zwischen Original und Replikat erkennen?

Die Urheberrechtsfrage: Wann ist Design geschützt?

Während bekannte Designentwürfe – wie die Wagenfeld-Leuchte oder der Freischwinger S 32 / S 64 von Thonet – in Deutschland und in vielen Teilen Europas bis zu 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers geschützt werden, erlischt das Urheberrecht in anderen Ländern schon nach 25 Jahren. Das machen sich viele Unternehmen zunutze und produzieren minimal veränderte Replikate zu einem Bruchteil des Preises. Besonders in Großbritannien wird vergleichsweise liberal mit dem geistigen Eigentum von Designern umgegangen, weshalb sich dort die meisten Online-Shops für Replikate ansiedeln. Ein weiteres Problem: Anders als das gewerbliche Schutzrecht greift das Urheberrecht bei persönlichen geistigen Schöpfungen. Es erfasst also nur Werke, bei denen die Kunst im Vordergrund steht – und nicht die kommerzielle Veräußerung. Damit gelten für viele Einrichtungsgegenstände und Designprodukte nur die gewerblichen Schutzrechte, die allerdings nicht automatisch, sondern nur nach Eintragung entstehen. Ganz davon abgesehen, dass kein Schutzrecht über 70 Jahre bestehen kann. 2

Die Gefühlsfrage: Was steckt hinter einem Design?

Während wir die Frage nach der Rechtfertigung der Preise früher wohl verneint hätten, haben wir besonders in den vergangenen Jahren gelernt, wie viel uns gutes Design eigentlich bedeutet und was dahinter steckt. Heute betrachten wir Möbel nicht mehr aus der pragmatischen Sicht eines Mittzwanzigers. Wir sehen Möbel – besonders Designmöbel – als Investition, als Anschaffung fürs Leben. Genau deshalb befinden sich in unserem Wohnzimmer mittlerweile verschiedene Designklassiker im Original – ein walnussfarbener Esstisch von &Tradition zum Beispiel, der minimalistische Tablett-Tisch von HAY, ein offenes Wandregalsystem von MENU und eine KALA aus der Limited Black Edition. Wenn wir uns die Stücke heute anschauen, sehen wir nicht mehr nur das Design oder den Namen, der dahinter steht. Wir sehen die Geschichte, die jahrelange Arbeit und die Herkunft der Produkte. Und das hat eben seinen Preis.

❞ Wir sehen Desi­gn­möbel als Inves­ti­tion, als Anschaf­fung fürs Leben. 

Quellennachweise

1 https://www.faz.net/aktuell/stil/drinnen-draussen/deutsche-geben-viel-fuer-einrichtung-aus-14018118.html

2 https://www.faz.net/aktuell/stil/mode-design/fuer-einrichtungsgegenstaende-gelten-unterschiedliche-urheberrechte-15862672.html

Headerbild © Carl Hansen & Søn

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