Sieht so die Architektur der Zukunft aus?

 

Jahrelang konnten wir dabei zusehen, wie große Möbelhersteller und Einzelhandelsketten ihre Geschäfte zunehmend auf die neue Mobilität der Konsumenten abstimmten. Nahe der Autobahn, in Industrieparks oder an den Einkaufszentren am Stadtrand entstanden gigantische Gebäudekomplexe – allesamt ohne jegliche Architektur, ohne Charme oder Charakter. Im 21. Jahrhundert angekommen, soll damit Schluss sein. Ein Umdenken findet statt, neue Konzepte werden auf den Weg gebracht.

Städtische Architektur: Räume sinnvoll nutzen

 

Ein Beispiel für das neu entdeckte Architekturbewusstsein der Großkonzerne liefert Ikea. Die schwedische Möbelmarke setzt künftig auf Innenstadtlage statt Autobahnabfahrt und tauscht damit Automobilität gegen ÖPNV. In Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Querkraft entsteht am Wiener Westbahnhof ein neuer Gebäudekomplex – mitten in der City. Für den Ikea der Zukunft scheint der klassische Betonbau seine Fassade abzuwerfen und so einen direkten Blick ins Innere zu ermöglichen. Ganz ohne Fassade erinnert der Bau an ein offenes Regalsystem, vielleicht eines von Ikeas erfolgreichsten Produkten. Ein Gebäude als Mobiliar für die Stadt, als Teil eines städtischen Freiluftwohnzimmers. Mit dem City-Ikea schließt sich die schwedische Möbelkette einer neuen Generation des Bauens an. Wo früher für eine strikte Trennung von Außen- und Innenraum stattfand, verschwimmen heute die Grenzen. Wo hört das Äußere auf, wo fängt das Innere an? Die Fassade als Schnitt im Raum verliert an Bedeutung; und während das Private zu verschwinden scheint, entsteht gleichzeitig ein neues Verständnis des öffentlichen Raums. 

Wie junge Architekten die Zutrittsbarrieren verwerfen

 

Die Idee des fassadenlosen Gebäudes erobert die Architekturszene weltweit. In Teheran etwa, die Primatenstadt des Iran, die trotz widriger Umstände gerade einen Aufbruch in die Moderne erfährt. Die Welle des Um- und Aufbaus ist geprägt durch die Initiative einer jungen Architekturgeneration, die sich für ein neues und offeneres Stadtbild einsetzt. So entwarf das iranische Architekturbüro FMZD von Farshad Mehdizadeh ein Konzept für den Umbau des bislang kaum besuchten Tehran Eye – ein Einkaufszentrum, das sich etwas abseits des Getümmels über neun Stockwerke erstreckt. Um die Strukturen der vergleichsweise kleinteiligen Architektur der Umgebung mit der massiven Ansicht des Bauwerkes zu verknüpfen, soll um das Teheran Eye eine geschwungene Hülle entstehen, die das Stadtleben auf einer neuen Ebene fortführt und schließlich Stück für Stück nach innen leitet. Fußgängerwege, bepflanzte Plätze und Parks, kleinere Geschäfte und Cafés werden so in den Fassadenmantel integriert, dass sie an die lebhafte Struktur eines arabischen Basars erinnern. 

© FMZD 

Die Fassade als Schnitt im Raum verliert an Bedeutung; und während das Private zu verschwinden scheint, entsteht gleichzeitig ein neues Verständnis des öffentlichen Raums. ❝

Das Konzept, öffentliche und private Räume ineinander übergehen zu lassen, stammt tatsächlich weniger aus dem europäischen als viel mehr aus dem arabischen Raum. Denn während die Frage, ob etwas Außen- oder Innenraum ist, in der westlichen Welt bislang recht deutlich durch Wände und Fassaden beantwortet wurde, herrscht im Suk, dem traditionellen arabischen Markt, ein wesentlich offeneres Verständnis der räumlichen Trennung. Statt Wände oder Türen trennen Labyrinthe den privaten und öffentlichen Raum voneinander ab. Während die ausgelegte Ware in den schmalen Gassen für jedermann zugänglich scheint, entpuppt sich das angrenzende Lager als ein tiefes Dickicht aus Dingen; ein Labyrinth, an dessen Ende sich meist der Kassenraum oder der Wohnraum der Familie befindet – geschützt von der Verworrenheit der Gänge. Damit wird die Frage, ob und wie weit jemand in den privaten Raum eintreten darf, nicht durch Trennwände entschieden, sondern im Inneren des Labyrinths immer wieder neu verhandelt. 

Die neue Definition des öffentlichen und privaten Raumes

 

Bislang sind die fassadenlosen Häuser nur ein Sinnbild für die Entwicklungen der Gesellschaft, für verschwimmende Grenzen zwischen dem öffentlichen und privaten Raum. Die Fassade fungiert nicht länger als Trennwand, sondern bildet einen eigenen Raum, der genauso groß und tief ist wie der Bau dahinter. Es entsteht ein neues Gefühl von Offenheit und Zugänglichkeit, gleichzeitig aber auch ein verändertes Verständnis der städtischen Architektur. Wenn wir Cafés, Restaurants und kleine Geschäfte nicht mehr nur an Straßenzügen oder öffentlichen Plätzen, sondern auch als Teil einer Hausfassade erleben, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Fassade vom öffentlichen Raum auch zum Wohnraum wird. Damit erlebt die Definition von Raum und Stadt eine vollkommen neue Dimension und steht vielleicht bald vor der Frage, ob sich die Fassade künftig besser als Lebensraum eignet als das tatsächliche Gebäude dahinter. 

Beitragsbild: © querkraft

Weitere Impulse zu Architektur

Fact Friday: Das Eden Project

Fact Friday: Das Eden Project

Wer hätte gedacht, dass der Garten Eden nur ein paar wenige Augenblicke entfernt liegt: Im britischen Cornwall steht das weltweit größte Gewächshaus - das Eden Project.   Das größte Gewächshaus der Welt Von einer klassischen Gartenanlage ist das grüne Kleinod...

Fact Friday: Chemnitz – Eine Stadt der Moderne

Fact Friday: Chemnitz – Eine Stadt der Moderne

Chemnitz als die neue Kulturhauptstadt Europas? Eine Stadt, die polarisiert: Das ist Chemnitz in jedem Fall. Aber hat Chemnitz auch das Potenzial zur europäischenKulturhauptstadt? Im Dezember 2019 schafften es fünf deutsche Städte in die Endrunde für den...

Fact Friday: Nachhaltige Architektur

Fact Friday: Nachhaltige Architektur

Norweger Architekturbüro baut das größte Holzhaus der Welt   „Wir möchten andere inspirieren, auf die gleiche Weise zu bauen“. Mit dem Mjøsa Tower entwarf das Team des norwegischen Architekturbüros Voll Arkitekter das größte nachhaltige Gebäude der Welt und...

Newsletteranmeldung

 

Pin It on Pinterest

Share This