© Vitra Design Museum, Foto: Ludger Paffrath

100 Jahre »Home Stories« im Vitra Design Museum

 

Die Entdeckung der Loftwohnung in den 1970er Jahren, die ungebändigte Wohnlust der 60er Jahre oder die ersten offenen Grundrisse der 1920er Jahre: Die Ausstellung »Home Stories. 100 Jahre, 20 visionäre Interieurs« im Vitra Design Museum präsentiert Ikonen des Wohnens und lässt die Wohnkultur des vergangenen Jahrhunderts Revue passieren.

© Noritaka Minami, A504 I, Tokyo, Japan, 2012 © Noritaka Minami

Fast 90 Prozent unserer Lebenszeit verbringen wir Europäer in Innenräumen.

Aber warum wohnen wir eigentlich, wie wir wohnen?

Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein initiiert eine neue Debatte über das westliche Wohnen und führt uns auf eine Reise durch 100 Jahre Wohnkultur. Im Zentrum stehen die großen Einschnitte des privaten Interieurs, seine Geschichte und Zukunftsperspektiven. Die Ausstellung zeigt 20 außergewöhnliche Innenräume, die durch ausgewählte Möbelstücke, Zeichnungen, Kurzfilme oder Modelle dargestellt werden.

Unser Zuhause ist Ausdruck unseres Lebensstils, es prägt unseren Alltag und bestimmt unser Wohlbefinden. ❝

— Vitra Design Museum 1

In vier Räumen demonstrieren die Werke großer Ikonen des Interieurs, wie Kunst, Architektur und Mode, aber auch Persönlichkeit und  Stilgefühl des Gestalters die Einrichtung eines Wohnraumes beeinflussen. Der erste Raum setzt sich mit dem Interieur der Gegenwart auseinander und zeigt unter dem Titel Raum, Wirtschaft und Atmosphäre wie unser Wohnumfeld die gesellschaftlichen, politischen und technischen Veränderungen widerspiegelt. Im zweiten Ausstellungsraum, Rethinking the Interior, erfährt die kühne Ästhetik von 1960 und 1980 eine Renaissance. Das wohl eindrucksvollste Ausstellungsstück ist Karl Lagerfelds Pied-à-Terre in Monte Carlo. Die Zweitwohnung des verstorbenen Modedesigners gilt bis heute als Sinnbild der Memphis – eine Bewegung, die mit den gewohnten Regeln des Funktionalismus brach. Stattdessen fand eine lust- und phantasievolle Interpretation einfacher Formen des alltäglichen Lebens statt, die den Stücken einen besonderen Wiedererkennungswert garantierte. Das Bild von Andy Warhols Silver Factory repräsentiert das veränderte Verständnis von Arbeits- und Privatleben: Die neue Idee der Loftwohnung lässt die Grenzen zwischen Wohnraum, Filmstudio, Werkstatt und Treffpunkt auf eindrucksvolle Art verschwimmen.

 Finn Juhl Haus, Ordrup, Dänemark, 1941 / © Foto: Henrik Sorensen Photography, 2013

Anders als heute standen Wohnfragen im Zentrum lebhafter Debatten, die sich auch in den folgenden Jahrzehnten zwischen Funktionalität und Reduktion einerseits, sowie Individualität und Ornamentierung andererseits bewegten – ein Gegensatz, der unsere Interieurs bis heute prägt.

© Vitra Design Museum, Foto: Ludger Paffrath

Der dritte Raum der Ausstellung konzentriert sich auf das Interior Design zwischen 1940 und 1960 und untersucht, wie Natur und Technologie miteinander vereint wurden. Die 1951 von der italienisch-brasilianischen Architektin Lina Bo Bardi entworfene Casa de Vidro verfügt über eine Glasfassade mit Blick auf Sao Paulos Landschaft. Auch der berühmte Cheiftain-Stuhl von Designer Finn Juhl orientiert sich an den Charakterzügen der Natur. Die Ausstellung endet mit The Birth of Modern Interiors – den wegweisenden Ansätzen der modernen Wohnkultur, die zwischen 1920 und 1940 entstanden sind. Was die Ausstellung uns am Ende vor Augen führt? In Zeiten der Digitalisierung und des Dauertourismus verliert das Verständnis von Interieur als Gesamtkunstwerk zunehmend an Wert. Das eigene Heim gilt längst nicht mehr als Lebensprojekt, sondern soll in Aussehen und Funktionalität eher an die Zimmer eines Boutiquehotels erinnern. Möbel werden zu kurzlebigen Konsumgütern, mehr Ware als Inszenierung. Dabei sind es doch eben jene Klassiker des Designs, die einen Wohnraum auch als Lebensraum initiieren. Die Ausstellung bietet also nicht nur einen Moment der Unterhaltung und Inspiration, sondern regt zum Nachdenken an – über die Gegenwart und Zukunft der Wohnkultur.

Ludwig Mies van der Rohe, Villa Tugendhat / © Archiv Štenc Praha/ VG Bild-Kunst Bonn, 2019

Anmerkung: Aufgrund der aktuellen Situation ist das Vitra Design Museum in Weil am Rhein bis auf Weiteres geschlossen.  Updates und Informationen zur Wiedereröffnung der Ausstellung erhalten Sie hier.

 

1 https://www.design-museum.de/de/ausstellungen/detailseiten/home-stories.html

Headerbild © Vitra Design Museum, Foto: Ludger Paffrath

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