Was uns ein minimalistisch(er)es Leben eigentlich bringt

Spätestens seit Marie Kondo in der Netflix-Serie „Aufräumen mit Marie Kondo“ die Häuser kalifornischer Paare entrümpelt, hat sich der Trend des Minimalismus auch in unseren Köpfen manifestiert. Doch schaffen wir es im Zeitalter des Materialismus und Konsumdrangs wirklich, dauerhaft auf die vermeintlich schönen Dinge des Lebens zu verzichten?

Was dich nicht berührt, darf weg

Während sich die Doku-Serie der japanischen Bestsellerautorin und Königin des Aufräumens vordergründig darum dreht, wie man seine Socken so platzsparend wie nur möglich in der Kommode verstauen kann, geht es im Hintergrund um eine ganz andere und sogar viel tiefere Frage. Die Frage, wie wir in Zukunft eigentlich leben wollen. Denkt man dabei an Marie Kondo, scheint die Antwort darauf mehr als einfach. Schließlich bildet der Wunsch der Menschheit nach einem befreiten Dasein die Grundlage für den Erfolg der Japanerin.

Das Prinzip, das uns an das Ende unserer Träume bringen soll, ist dabei so denkbar einfach wie universell und erfreut sich wohl aus genau dem Grund enormer Beliebtheit. Miste ein für alle Mal deine Besitztümer aus und du wirst nie wieder aufräumen müssen, lautet die Devise. Klingt plausibel, oder? Aber woran erkennen wir, was weg und was bleiben darf? Auch hier kennt Marie Kondo die Lösung: Alles, was uns nicht mit Freude erfüllt – tokimeku heißt im Japanischen so etwas wie Herzklopfen hervorrufen – muss leider weg. Was dabei übrig bleibt, kann liebevoll aufgeräumt werden.

Der japanische Sinn des Lebens

In der Praxis bedeutet das, jedes Hemd, jede Büroklammer, jedes Möbelstück oder technische Gerät, das nicht augenblicklich einen innerlichen Freudentanz in uns auslöst, sollte besser weichen. Und damit wir dann am Ende – neben einem leeren Haus – auch wirklich den Weg zu einem bewussten Leben geebnet haben, lässt sich Kondos Methode auf alle Lebensbereiche ausdehnen. Schlechte Ernährungsgewohnheiten? Weg damit! Unangenehme Termine? Absagen. Anstrengende Freundschaften? Lieber gleich sein lassen. Was nicht glücklich macht, gehört damit der Vergangenheit an. Aber ist Ikigai – das japanische Verständnis vom Sinn des Lebens, das den Grund morgens aufzustehen, oft im Alltäglichen findet, wirklich die vollkommene Erfüllung?

Sind Minimalisten die besseren Menschen?

Kann uns der reine Anblick eines Mülleimers, des Aktenschrankes im Arbeitszimmer oder der Gedanke an den nächsten Zahnarzttermin überhaupt mit der verlangten Menge an Euphorie erfüllen? Auch wenn Marie Kondos Definition von Glück jetzt verlangen würde, den Mülleimer gleich mit seinem Inhalt zu entsorgen, die Akten zu vernichten und den Termin abzusagen, gehören doch genau diese Dinge – so unliebsam sie auch sein mögen – zum Leben eines pflichtbewussten Erwachsenen dazu. Und genau das ist der Punkt, der die Theorie des radikalen Ausmistens in Frage stellt. Macht es wirklich Sinn alles Hab und Gut in einen schwarzen Sack zu stopfen; in der Hoffnung, ihn möglichst nie wieder sehen zu müssen? Sind die radikalen Minimalisten, die nicht viel mehr in ihrer Wohnung haben als einen Laptop, zwei Tassen und eine Yogamatte wirklich die glücklicheren, ja sogar besseren Menschen?

Der Schlüssel zum Erfolg: Entscheidungen bewusster treffen

Am Ende sollte es beim Minimalismus nicht darum gehen, wer mit möglichst wenigen Besitztümern auskommt. Viel wichtiger ist es doch, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie wir mit dem, was wir schon haben, besser umgehen können. Eine Brille wegzuwerfen, nur, weil sie zunächst keine Freude bereitet, führt letztlich nur dazu, dass wir entweder blind umherirren oder eine neue Brille kaufen müssen. Entsorgen wir die Wohnzimmerleuchte, weil sie uns nicht mehr die nötigen Glücksmomente beschert, sitzen wir entweder im Dunkeln oder machen uns auf die Suche nach einem neuen, ja so viel besseren Modell. Was wir davon also mitnehmen? In erster Linie wohl die Tatsache, dass es nicht unbedingt das unüberlegte und voreilige Entsorgen á la Marie Kondo sein muss, was uns ein erfülltes Leben bringt. In den meisten Fällen hilft es schon, Entscheidungen bewusster zu treffen – mit dem Gedanken im Hinterkopf, die neue Brille oder Wohnzimmerleuchte auch noch in einigen Jahren mit Freude anschauen zu können.

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