So wird aus Müll ein Designstück

Fast neun Millionen Tonnen Mikroplastik werden jedes Jahr in unsere Ozeane der Welt gespült. Das ist nicht nur eine enorme Gefahr für die Umwelt, sondern auch eine enorme Verschwendung wichtiger Ressourcen. Was man dagegen tun kann? Die einfache Antwort lautet Upcycling.

Recycling vs. Upcycling – Und wo liegt der Unterschied?

Zugegeben: Das Prinzip von Recycling ist nichts vollkommen Neues. Darum soll es hier auch nicht gehen. Denn betrachten wir Recycling unter dem Gesichtspunkt der gegenwärtigen Situation wird dem Wiederverwenden von bereits verwendeten Dingen eine neue Dringlichkeit auferlegt. Durch die hohen Energieeinsparungen und den wesentlich geringeren Aufwand von Hilfsstoffen wie Wasser oder Chemikalien bildet Recycling eine wichtige Komponente in der modernen Abfallreduzierung. Ob Papier, Altkleider, Pfandflaschen oder sogar Yogamatten – das Angebot an recycelten Produkten wird immer größer. Auch die Idee des Upcycling verfolgt einen ähnlichen Ansatz, bietet aber mehr Möglichkeiten zur kreativen Entfaltung. Denn während beim Recycling bereits genutzte Materialien lediglich aufgebrochen und anschließend in ähnlicher Form wiederverwendet werden, bedeutet Upcycling, vermeintlich nutzlose oder kaputte Materialien und Gegenstände so aufzuwerten, dass daraus etwas vollkommen Neues entstehen kann: Taschen aus alten Kleidungsstücken zum Beispiel, Geldbeutel aus leeren Zementsäcken oder Schlüsselanhänger aus kaputten Fahrradschläuchen. Das Konzept des Upcycling lässt der Fantasie freien Lauf und macht es möglich, Gedankenspielereien, Interpretationsmöglichkeiten oder auch die eigene Persönlichkeit einfließen zu lassen. So entstehen am Ende aus vermeintlichen Abfallprodukten einzigartige, nachhaltig produzierte und von Hand gefertigte Gegenstände.

© Stefanos Tsakiris / Zero Waste Lab

Wenn Not erfinderisch macht

Während Upcycling vor ein paar Jahren noch milde belächelt wurde, gewinnt der Trend immer mehr an Bedeutung: Das neue Umweltbewusstsein unserer Gesellschaft sorgt dafür,  dass auch die Vertreter aus Kunst und Design das Potenzial der Bewegung entdecken. Besonders junge und zeitgenössische Designer verarbeiten den Nachhaltigkeitsgedanken in ihrer Arbeit. Nach dem Motto »Not macht erfinderisch« entstehen daraus innovative, soziale und nachhaltige Projekte, die den kreativen Wunsch nach Klimaschutz und einem Wertewandel demonstrieren: Panos Sakkas und Foteini Setaki vom Rotterdamer Design-Duo The New Raw richteten in ihrer griechischen Heimat Thessaloniki so zum Beispiel ein sogenanntes Zero Waste Lab ein. Dort können die Bürger geschredderten Plastikmüll über einen 3D-Drucker in neue Formen gießen und damit anschließend den öffentlichen Raum der Stadt bereichern. Die ersten Prototypen der Bänke, Sessel und Pflanztröge konnten schon im vergangenen Jahr realisiert werden. Das große  Ziel der beiden Designer: Vier Tonnen Plastikmüll sollen im Zero Waste Lab wiederverwertet werden.

Während Upcycling vor ein paar Jahren noch milde belächelt wurde, gewinnt der Trend immer mehr an Bedeutung: Das neue Umweltbewusstsein unserer Gesellschaft sorgt dafür,  dass auch die Vertreter aus Kunst und Design das Potenzial der Bewegung entdecken. ❝

PET-Flaschen sinnvoll nutzen

Wenn es um Re- und Upcycling von Wegwerfplastik geht, streift die Debatte immer wieder das Thema Pfandflaschen. Auch Designer weltweit scheinen von PET-Flaschen angetan. Der kalifornische Outdoorhersteller Patagonia, der sich in den vergangenen Jahren durch zahlreiche klimafreundliche Projekte einen Namen machen konnte, bringt nun eine neue Taschenserie auf den Markt, die aus 10 Millionen recycelten Plastikflaschen bestehen soll. Die Black Hole Bag-Kollektion ist Teil einer größeren Initiative des Unternehmens: Die Marke strebt nach 100% nachwachsenden und recycelten Rohstoffen und arbeit darauf hin, 20.000 Tonnen CO2 durch die Verwendung von recycelten Produkten in nur einem Jahr einzusparen. Die mexikanische Designerin Paola Calzada zeigt mit der Serie Luken Furniture, dass recycelte Möbel mittlerweile weit entfernt von dem unscheinbaren Öko-Image der vergangenen Jahre sind: Die farbenfroh gefleckten und trotzdem eleganten Tische und Sessel werden aus wiederverwerteten Plastikflaschen geformt – und sind alles andere als langweilig. Das Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit Plastikmüll ist inzwischen auch bei IKEA angekommen: 2017 lancierte der schwedische Möbelgigant die Küche »Kungsbacka«, die ebenfalls aus recycelten PET-Flaschen besteht. Das Beste daran: Die zart schimmernden anthrazitfarbenen Oberflächen könnten genauso gut aus einer noblen Premium-Linie stammen.

Circular Economy: Die neue Form des Upcycling 

Wie nachhaltige und gleichzeitig funktionale Kleidung geht, zeigt das neuseeländische Label Okewa: Alamiert durch die Vorhersage, dass es in unseren Ozeanen bis 2050 mehr Plastik als Fische geben könnte, kreierte das junge Unternehmen eine Regenmantelkollektion, die vollständig aus recycelten Plastikflaschen besteht. Damit bleiben wir trocken und die Meere sauber. Das Label ecoBirdy ermöglicht es, den Generationenwechsel elegant und umweltbewusst zu meistern. Die Kinderzimmermöbel werden zu 100 Prozent aus – wie sollte es anders sein– gebrauchtem Spielzeug hergestellt. Während in herkömmlichen Kinderspielzeugen eine besonders hohe Menge an Plastik verwendet wird, verwertet das belgische Label altes Spielzeug wieder, ohne umweltschädliche Stoffe wie Harz oder Pigmente hinzuzufügen. Ein weiterer wichtiger Begriff, der im unmittelbaren Zusammenhang mit Recycling steht, lautet Circular Economy – das Wiederverwerten von Abfall am Ort der Entstehung. Wie das funktioniert? Der Sessel »S-1500« des norwegischen Architekten Snøhetta in Zusammenarbeit mit dem Möbelhersteller Nordic Comfort Products besteht aus Plastikmüll und alten Fischernetzen der lokalen Fischer.

Wie alte Smartphones zu Geschirr werden

Durch immer schnellere Innovationszyklen veralten technische Produkte heutzutage früher und werden damit immer schneller zum Abfallprodukt. Das ist nicht nur mit Blick auf die Ökobilanz der Produkte problematisch, sondern macht gleichzeitig deutlich, wie einfach hochwertige Materialien heute verschwendet werden. Nicht so mit Andrea Trimarchi und Simone Farresin: Die Inhaberinnen des Amsterdamer Designstudios Formafantasmaicht machen klar, dass längst nicht mehr nur alte Plastikgegenstände plastisch verformt und ein zweites Mal verwendet werden können. Mit dem Label Ore Streams haben sich die beiden Designer der Wiederverwertung von Elektronikschrott verschrieben. Die Kombination eines Grundgerüstes aus Eisen und Aluminium mit Hightech-Komponenten lässt etwas völlig Neues entstehen – eine Mischform aus futuristischer Science-Fiction und filmreifen Roboterfiguren in Frankensteingestalt. Ein anderes Beispiel für innovatives Upcycling ist die Firma Pentatonic, die das Glas alter Smartphones zu eleganten Geschirrsets umwandelt. Und da soll mal einer sagen, es gäbe noch Produkte, die nicht recycelt werden können. Wir haben bislang jedenfalls keines entdeckt.

Weitere Impulse zu Design

Fact Friday: Original oder Replica?

Fact Friday: Original oder Replica?

Warum gutes Design seinen Preis hat Wie viel sind wir bereit für ein Möbelstück zu bezahlen? Ist uns ein Stuhl nicht mehr als 100 Euro wert oder würden wir sogar das 5-fache dafür ausgeben? Wie wichtig sind uns dabei Herstellung oder Herkunft des Stuhls?...

Trendreport: MAISON&OBJET 2019

Trendreport: MAISON&OBJET 2019

Die MAISON&OBJET ist nicht nur irgendeine weitere Designmesse; es ist die wahrscheinlich wichtigste Fachmesse für alle, die das Unerwartete lieben. Wir zeigen, auf welche Trends wir uns freuen dürfen, warum Handarbeit wieder à la mode ist und welcher Raum künftig...

Fact Friday: Das Wiener Korbgeflecht

Fact Friday: Das Wiener Korbgeflecht

Neben der lebhaften Neuinterpretation des Terrazzos, feiert 2019 auch ein eher zeitloser Klassiker sein Comeback: Das Wiener Geflecht - ein Wabenmuster aus Rattanstreifen, einem langlebigen und robusten Material. Der ikonische Wiener Kaffeehausstuhl des Kultlabels...

Newsletter registration

 

Pin It on Pinterest

Share This