Der brasilianische Ausnahmefotograf im Porträt

 

Sebas­tião Salgado ist nicht nur einer der bekanntesten Fotografen der Welt, er ist zugleich Humanist, Naturschützer und seit Oktober 2019 Träger des Friedenspreises . Seine Werke zeigen die Schwarzweiß-Fotografie auf einer neuen Ebene; er verinnerlicht darin das Leid der Welt und schafft Bewusstsein für die Schattenseiten der Menschheit.

Salgado als Fotograf

 

Sebastião Ribeiro Salgado wird am 8. Februar 1944 im brasilianischen Aimorés, einer Kleinstadt mit 16.000 Einwohnern, geboren. In seinen Zwanzigern kehrt Salgado seinem Heimatland, das mittlerweile von der Militärdiktatur eingenommen wurde, den Rücken. Gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Pianistin Lélia Deluiz Wanick, zieht es ihn nach Paris; er promoviert im Bereich der Wirtschaftswissenschaften und beginnt eine berufliche Laufbahn als Ökonom. Seine Liebe für die Fotografie entdeckt Salgado in den Achtzigerjahren, als er beruflich erstmals nach Afrika reist. Zurück in Paris entscheidet er, sich als Freiberufler vollständig seiner neu entdeckten Leidenschaft zu widmen. In den Folgejahren kehrt er immer in seine Heimat Brasilien zurück, um sein erstes großes Projekt zu vollenden: eine Bilderstrecke über die Goldminenarbeiter in der brasilianischen Serra Pelada, die ungeschönte Dokumentation über die größte Freiluftmine der Welt. Die Bilder werden zu Zeugnissen von Gewalt und Armut, sie zeigen die unmenschlichen Bedingungen, unter denen 50.000 Menschen jahrelang gruben, hackten, nach Gold gierten. Salgado gibt den Mienenarbeitern ein Gesicht, macht ihr Leid sichtbar – und sorgt dafür, dass die Miene geschlossen werden muss.

Bilderstrecke aus Salgado’s Langzeitprojekt Genesis /  © Sebastião Salgado

Salgado als Humanist

 

Seine Arbeit als Kriegsfotograf, die erschreckenden Szenen des Völkermords in Ruanda oder des Irakkriegs, hinterlassen ihre Spuren: Salgado scheint die Ungerechtigkeit der Welt nicht nur bildlich festzuhalten, er scheint sie auch immer tiefer in seinem Inneren zu verankern – bis er das Leid kaum noch ertragen kann. Er wird selbst aktiv, setzt sich für die afrikanische Entwicklungshilfe ein, beginnt eine enge Zusammenarbeit mit der Organisation Ärzte ohne Grenzen, macht den Naturschutz zu seinem persönlichen Anliegen. Die frühe Flucht aus seiner Heimat animiert ihn in den Neunzigerjahren dazu, in Afrika, Südamerika, Asien und dem ehemaligen Jugoslawien Menschen auf der Flucht zu fotografieren; ihren Schmerz und die Verlusterfahrung festzuhalten. Der Sammelband Migranten, den Salgado im Jahr 2000 erstmals mit der Weltöffentlichkeit teilt, gehört bis heute zu den Hauptwerken des brasilianischen Fotokünstlers. 2016, als die aufsteigende Flüchtlingskrise weltweit für Unruhen sorgt, lässt Salgado das Werk unter dem Titel Exodus neu auflegen. Es zeigt darin, dass das Leid trotz all der Jahre nicht verschwunden ist; es zeichnet sich lediglich auf neuen Gesichtern ab.

Salgado scheint die Ungerechtigkeit der Welt nicht nur bildlich festzuhalten, er scheint sie auch immer tiefer in seinem Inneren zu verankern – bis er das Leid kaum noch ertragen kann. ❝

links: Sanddünen in Algerien, 2009 / rechts: Meerechse auf den Galápagos-Inseln, Ecuador, 2004 / © Sebas­tião Salgado

Salgado als Umweltschützer

 

Während sich Salgados frühere Werke auf das Leid der Menschheit fokussieren, widmet er sein späteres Künstlerdasein zunehmend der Naturfotografie. 2013 erscheint der Bildband Genesis, der die Faszination und Schönheit der Natur und die Erhabenheit unterschiedlichster Landschaften zu greifen versucht. Genesis ist ein Weckruf, ein Appell zum Hinsehen, aber auch eine Hommage an die Kraft der Natur. „Mit Genesis folgte ich dem romantischen Traum, eine unberührte Welt zu finden – und zu zeigen –, die unseren Blicken nur allzu oft entzogen und für uns unerreichbar ist (…)”, schreibt er im Vorwort des Buches. Inmitten der Debatte um den Klimawandel wird Salgado 2019 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, als erster Fotograf, vor allem aber als Künstler, der sich mit seinen Werken immer wieder politisch zeigt, der sich nicht scheut, Leid und Unmenschlichkeit offen anzusprechen und der sich bewusst für den Frieden einsetzt – für die Menschheit und die Natur. 

Wahrscheinlich hat Salgado in seinem fotografischen Wirken viel mehr Leid gesehen, als ein einzelner Mensch ertragen kann; und trotzdem, vielleicht aber auch gerade deshalb, hat er denen ein Gesicht und eine Stimme gegeben, die nicht gehört und gesehen werden sollten. Damit ist Salgado nicht nur einer der bedeutendsten Fotografen unserer Zeit, sondern auch einer der wenigen großen Bewahrer der Schöpfung.

Fotograf, Humanist, Umweltschützer: Sebastião Salgado / © news.yayoo.com

Headerimage: Auszug aus dem Sammelband Migranten / © Sebastião Salgado

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