Wie viel Raum benötigt Heimat?

Ein bewusstes Leben scheint auch 2019 das Thema der Stunde zu sein. Weniger ist also noch immer mehr – ohne dabei auf Wesentliches verzichten zu müssen. Dass ein kleiner Wohnraum zudem nicht gleich heißen muss, ganz ohne Komfort auszukommen, zeigt uns die Tiny House Bewegung, die seit einiger Zeit aus den USA nach Europa überschwappt…

 

Was steckt hinter der Tiny House Bewegung?

Der Trend, ‘kleinstmögliche Häuser’ zu konstruieren, stammt zwar ursprünglich aus den USA, ist aber längst auch in Deutschland angekommen. Mittlerweile bieten Tiny Houses hierzulande eine ernsthafte Alternative zu der durchschnittlichen 90-Quadratmeter-Eigentumswohnung der Deutschen¹. Dabei könnten die Minihäuser besonders für diejenigen unter uns interessant sein, die es leid sind, sich für all die gesammelten Dinge immer mehr Stauraum zulegen zu müssen und den verfügbaren Raum stattdessen lieber sinnvoll ausnutzen wollen.

© Fiction Factory

Funktionalität und Design

Ein kleines Haus setzt irgendwie auch die Notwendigkeit von kleinen Möbeln voraus; das heißt also, um maßgeschneiderte Möbel kommt man nur schwer herum. Trotzdem braucht es kein Vermögen, um sich auch in kleinen Räumen funktional und trotzdem stilecht auszustatten. Der ultimative Trick: Die Investitionshöhe der Möbel wird anhand des Bedarfs gemessen. Gibt es Aktivitäten, die einen großen Teil des Tages in Anspruch nehmen? Wenn ja, sollten genau diese Aktivitäten durch hochwertige und gut durchdachte Möbelstücke abgedeckt werden. Dort darf dann gern auch etwas mehr investiert werden. 

Wie nutzt man den begrenzten Wohnraum optimal aus? 

Neben der wohl überlegten Anschaffung funktionaler Möbel sorgen ein paar kleine Tipps und Tricks auch auf einem noch so kleinen Raum für zusätzlichen Komfort. Durch geschickt eingebaute Trennwände oder Regale lassen sich Räume zumindest optisch voneinander abtrennen, was dem Haus zu mehr Tiefe verhilft. Eine unterschiedliche Farbgestaltung für verschiedene ‘Räume’ schafft außerdem kleinere Nischen, die zusätzlich für eine gemütliche Atmosphäre sorgen. Ausziehbare oder ausklappbare Betten und Schlafsofas mit Bettkästen bieten zusätzlichen Stauraum, der die ein oder andere Sache unbemerkt verschwinden lässt. Truhen oder Kisten werden kurzerhand zu einem minimalistischen Couchtisch umfunktioniert, der Esstisch wird bei Bedarf einfach von der Wand geklappt. Ebenfalls ausklappbare Schrankwände mit integrierter Arbeitsfläche bieten eine optimale Grundlage für lange Nächte am Schreibtisch. Sitzgelegenheiten für Gäste entstehen durch stapel- oder klappbare Stühle.

Ein ebenfalls wichtiges, vielleicht sogar das wichtigste Element in kleinen Räumen ist die richtige Beleuchtung: Eine dynamische Beleuchtung bestehend aus Steh-, Pendel- und Tischleuchte bietet genügend Abwechslung und schafft eine gemütliche und gleichzeitig interessante Atmosphäre. Der gezielte Einsatz von punktuellen Lichtquellen sorgt obendrein für individuelle Akzente.

 

Tiny Houses aus aller Welt

© Bauhaus Campus Berlin
Deutschland

Tinyhouse University / 35Kubik-Heimat

Ins Leben gerufen wurde die Tinyhouse University von einer Berliner Gruppe von Gestaltern und Künstlern, die gemeinsam an der Umsetzung von verschiedenen Minihauskonzepten arbeiten. Am Bauhaus Campus in Berlin ist so ein Forschungsprojekt über ein neues Verständnis zu Bauen entstanden – eine Minihaussiedlung der etwas anderen Art. Das Projekt zielt darüber hinaus darauf ab, ein neues soziales und künstlerisches Potenzial zu entdecken. So zählen auch Cafés, Warengeschäfte und weitere öffentliche Räume zu den konzeptionellen Ansätzen der Künstler. Mittlerweile ist die kleine Siedlung nach Wittenberg umgezogen und kann dort besichtigt werden.

Das Modell 35Kubik-Heimat wurde von der Fakultät für Innenarchitektur der Hochschule Rosenheim umgesetzt und soll zeigen, welche Möbel notwendig sind, um eine Wohnung wirklich zu einem Zuhause werden zu lassen. Die Besonderheit des Projektes: Der 9 Quadratmeter große Innenraum ist mit einer kleinen Küche und einer Toilette ausgestattet, kommt sonst aber ohne ein einziges Möbelstück aus. Bett, Tisch und Bank sind auf den ersten Blick nicht sichtbar, können bei Bedarf aber ganz einfach aus dem Boden gefaltet werden. Durch die Konstruktion mit einem Hohlraumboden verschmelzen die Grenzen zwischen Architektur und Einrichtung, was dem Konzept zusätzliche Spannung verleiht.

Niederlande

Wikkelhaus by Fiction Factory

Das Wikkelhaus basiert auf der Idee eines gut isolierten, wetterfesten und ökologischen Tiny Houses. Das Konzept des Projektes stammt von den niederländischen Inneneinrichtungsspezialisten der Fiction Factory, die bereits seit 1989 außergewöhnliche Möbel herstellen und verkaufen. Mit dem Wikkelhaus gelang es dem Unternehmen, das bislang größte und erfolgreichste Projekt über die Landesgrenze hinaus umzusetzen. Die Besonderheit des Wikkelhauses liegt dabei in dem modular aufgebauten Design des ‚Gebäudes‘. Die einzelnen Segmente, Größe und Ausstattung sind dabei individuell wählbar. Mit allen verfügbaren Segmenten wird das Haus mit einer Küche, einem Bad, einer Terrasse und sogar einem Holzofen geliefert. 

Wie der Name schon andeutet, besteht das Gerüst aus 24 Schichten umweltfreundlicher Pappe, die um ein Holzgestell ‘gewickelt’ werden. Den notwendigen Schutz vor Wind und Wetter erhält das Gerüst durch den Einsatz einer atmungsaktiven Folie; die Außenverkleidung aus Holz bietet zusätzliche Stabilität. Zum Probeliegen empfehlen wir einen Kurztrip in die Niederlande: Die Stayokay-Hostelkette vermietet mehrere Wikkelhäuser nahe des Nationalparks De Hollandse Biesbosch, dem perfekten Ort, um fernab von Technik und mitten in der Natur zu entspannen.

© Fiction Factory

© LandArk
USA

Draper by LandArk

Ein weiteres Beispiel, wie sich Funktionalität und Design auch im kleinen Format vereinen lassen, liefert uns LandArk aus dem US-amerikanischen Colorado. Das Modell ‘Draper’ verfügt über ein modernes Mid-Century-Design und eignet sich dank der recht geräumigen Wohnfläche von 30 Quadratmetern optimal für Einzelpersonen oder Paare. Von der Galerie des Hauses gelangt man über eine individuell gestaltete Eichenleiter in den Schlafbereich, der mit großen Fenstern ausgestattet ist. Das kompakte aber dennoch überraschend luxuriöse Badezimmer verfügt über ein Waschbecken, eine Wandtoilette und eine begehbare Dusche mit eingelassener Beleuchtung und einem Fenster. Der helle, von Tageslicht durchflutete Wohnbereich bietet außerdem eine geräumige Küche und ein ausklappbares U-Sofa, das gleichzeitig als Gästebett dient. Was will man da noch mehr?

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