Echt fly: Die Sprache des 21. Jahrhunderts

Ein Emoji hier, ein GIF da. Statt persön­li­chen Gesprä­chen bevor­zugen wir Sprach­nach­richten. Vor allem bei Kindern und Jugend­li­chen beeinflusst das Internet die Art der Kommu­ni­ka­tion. Was bedeutet die Veränderung der Sprache für die Iden­tität unserer Gesell­schaft? Und verküm­mern Social Media, Whatsapp und Co. unsere emotio­nalen und sprach­li­chen Fähig­keiten?

Die zeitgenössische Sprachkultur: Mehr als nur Emojis?

 

Anders als das durchaus tote Latein sind die modernen Sprachen unserer Zeit noch sehr lebendig. Das bedeutet, sie greifen die Strömungen ihrer Umgebung auf, reagieren auf Trends und adaptieren sie. Das ist grundsätzlich gut, schließlich ist nichts schlimmer als Stillstand. Auch, wenn die zeitgenössische Sprachkultur, bestehend aus Abkürzungen, Emojis und GIF’S, dem gewohnheitsliebenden Durchschnittsbürger auf den ersten Blick fragwürdig erscheinen mag. Wer im Jahr 2020 auf ein simples und altmodisch-romantisches “Hast du Lust ins Kino zu gehen?” hofft, wird in der Regel enttäuscht zurückgelassen. “Bock auf Kino?” heißt das heute, gefolgt von einem Popcorn-Emoji. Von echten Verben fehlt jede Spur. Ohne schreibt es sich einfach schneller, liest sich flüssiger und ist ganz einfach bequem. 

Sprache im Web 2.0

Gerade die sozialen Netzwerke als DIE Kommunikationskanäle unserer Zeit verstärken die Veränderungen der Sprache. Wir kommunizieren immer schneller, für langes Geschwafel bleibt keine Zeit mehr. Da verwundert es nicht, dass auch die Kommunikation in sozialen Netzwerken von Faulheit und Zeitmangel geprägt ist. Kürzungen und englische Akronyme bestimmen den schriftlichen Austausch bei Facebook und Instagram. Aus „habe“ wird „hab“, aus “danke” wird “thx”. Zahlen werden nicht mehr ausgeschrieben, schließlich genügt ein Tippen auf die richtige Taste. Auch Artikel gehören längst nicht mehr zum allgemeinen Sprachgebrauch; von Satzzeichen und der korrekten Anwendung des Dativ ganz zu schweigen. Ganz schön fly, könnte man hier anmerken, stünde da nicht die Unsicherheit über die richtige Verwendung des Jugendwortes des Jahres 2016 im Raum. Per definitionem bezieht sich Fly sein in der Regel auf Personen, ob also auch ein Umstand oder eine Begebenheit fly sein können, bleibt fraglich. 

Was der eine als kulturellen Verlust empfinden mag, ist für den anderen ein Zeichen von kreativer Verwirklichung. ❝

Verlust der sprachlichen Fähigkeiten?

Einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach zufolge erachten nur 36 Prozent der 14- bis 19-Jährigen das persönliche Gespräch als angenehme Form der Kommunikation1. Die Kommunikation der Jugend findet heute fast ausschließlich auf dem virtuellen Weg statt. Das ist nicht nur bequem, sondern kommt besonders den Menschen entgegen, die in Gesprächen schnell unsicher werden oder Konflikten aus dem Weg gehen wollen. Bei einem virtuellen Austausch behalten wir die Kontrolle. Sagt der andere etwas, was uns nicht passt, lösen wir die Situation auf, indem wir uns ganz einfach ausloggen oder entfreunden. Sich den Emotionen zu entziehen, ist nicht nur aus Sicht der Psychologie bedenklich. Auch die sprachlichen Fähigkeiten leiden, wenn wir entsprechende Stränge im Gehirn nicht mehr beanspruchen. Das ist in etwa vergleichbar mit einem Musiker, der sein Instrument nicht mehr spielt. Auch Rechtschreibung und Grammatik scheinen in sozialen Netzwerken und Whatsapp Chats nur bedingt von Bedeutung. Während so mancher Fauxpas vielleicht noch zum Schmunzeln ist, zeigt sich dahinter eine weit verbreitete Symptomatik grober Verstöße gegen die allgemeinen Regeln der deutschen Sprache.

Was sagt Sprache über eine Gesellschaft aus?

 

Wir befinden uns also immer mehr in einer Gesellschaft, die sich bewusst von bisherigen Sprachgewohnheiten abzuwenden und auf Regeln aller Art zu verzichten scheint. Doch spiegelt die Sprachgewandtheit einer Gesellschaft nicht auch irgendwo ihre kulturelle Verankerung wieder? Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn vollständige Sätze zur Mangelware werden? Das sind Fragen, denen wir uns wohl oder übel stellen müssen. Denn was für uns jetzt als Trend erscheint, als Jugendsprache oder Slang, könnte irgendwann zur allgemeinen Umgangsform werden. Spätestens wenn Briefe des Finanzamtes beim ersten Lesen zu verstehen sind. Und trotzdem oder gerade weil Sprache sich immer verändert, sollten wir uns damit auseinandersetzen, was Sprache für uns selbst bedeutet – statt die Jugend von heute in altbewährter “Früher war alles besser”-Manier zu verteufeln. Denn Sprache ist letztlich auch eine Art der Selbstinszenierung. Was der eine also als kulturellen Verlust empfinden mag, ist für den anderen ein Zeichen von kreativer Verwirklichung. Im Land der Dichter und Denker sollte ein gewisses Maß an Kreativität doch erfreuen.

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